Schnur aus Brennnesselfasern
In den Stängeln der Großen Brennnessel stecken lange, zähe Fasern. Im Spätsommer und Herbst schneidest du mit Handschuhen hohe Stängel, streifst die Blätter ab, drückst den Stängel flach, brichst den holzigen Kern heraus und trocknest die Faserstreifen. Danach drehst du sie zweischäftig zu einer Schnur – für Bindungen, Netzbeutel oder als Reserve, nicht für Menschen oder schwere Lasten.
- Ernte und Aufbereitung etwa 1 Stunde, Trocknen einige Tage, Drehen je nach Länge

Einfach erklärt
Die Brennnessel kennst du, weil sie piekst und brennt. Aber in ihrem Stängel versteckt sich etwas Nützliches: lange, feste Fäden. Früher haben Menschen daraus Garn und sogar Stoff gemacht. Du kannst daraus eine Schnur drehen – ganz ohne Laden.
Dafür ziehst du Handschuhe an, schneidest im Spätsommer lange Stängel ab und streifst die Blätter weg. Dann drückst du den Stängel flach, bis er aufplatzt. Innen ist ein harter, holziger Kern. Den brichst du heraus, und übrig bleiben grüne Bänder mit den Fasern. Die lässt du trocknen.
Zum Schluss drehst du zwei Faserbündel umeinander, wie bei einer Kordel. So entsteht eine Schnur für kleine Sachen: ein Beutel, ein Anhänger, eine Bindung. Wichtig: So eine Schnur ist nie zum Klettern oder für Menschen da – niemand weiß, wie viel sie hält.
Wie es funktioniert
Der Stängel der Brennnessel ist vierkantig und innen hohl. Von außen nach innen liegen eine dünne grüne Haut, eine Schicht mit langen Bastfasern und ein holziger, spröder Kern. Die Fasern laufen fast über die ganze Länge des Stängels. Deshalb gilt: Je länger der Stängel, desto längere Fasern bekommst du – und desto weniger Ansatzstellen hat deine Schnur später.
Der holzige Kern bricht, wenn man ihn knickt, die Fasern dagegen sind biegsam und zäh. Genau diesen Unterschied nutzt du: Du knickst den Kern in kurzen Abständen und ziehst die Faserbänder daran ab. Beim Trocknen verlieren die Bänder Wasser, werden heller und lassen sich später in feine Bündel teilen.
Beim zweischäftigen Drehen verdrehst du zwei Faserbündel jeweils in die eine Richtung und legst sie in die Gegenrichtung umeinander. Die beiden Drehungen arbeiten gegeneinander und halten sich gegenseitig fest. So geht die Schnur nicht wieder auf, auch wenn die einzelnen Fasern nicht endlos lang sind.
Worauf es ankommt
Die richtige Zeit ist entscheidend. Im Frühjahr sind die Triebe weich und die Fasern kurz und schwach. Im Spätsommer und Herbst sind die Stängel lang und die Fasern ausgereift. Wähle die längsten, geradesten Stängel ohne viele Seitentriebe und nimm nur wenige aus einem großen Bestand.
Arbeite beim Herausbrechen des Kerns geduldig von der Mitte zu den Enden. Wenn du zu schnell ziehst, reißen die Faserbänder ab. Die grüne Außenhaut kann dran bleiben, sie bröselt nach dem Trocknen teilweise von selbst ab; wer feinere Schnur möchte, schabt sie vorher leicht mit dem Messerrücken ab.
Trockne die Bänder locker aufgehängt an einem luftigen, schattigen Ort. Zusammengeknüllt und feucht schimmeln sie. Vor dem Drehen feuchtest du sie kurz an, damit sie geschmeidig werden. Beim Drehen setzt du neue Fasern immer versetzt an, nie bei beiden Strängen an derselben Stelle – dort wäre die Schnur am schwächsten.
Sicherheit: darauf musst du achten
Die Brennhaare der Nessel sind winzige Röhrchen, die bei Berührung abbrechen und reizende Stoffe in die Haut geben. Das brennt und juckt, ist aber meist harmlos und vergeht von selbst. Handschuhe und lange Ärmel verhindern das fast vollständig. Wer allergisch reagiert – mit Schwellungen im Gesicht oder Atemnot –, braucht sofort Hilfe: 112, in Österreich auch 144.
Beim Abschneiden der Stängel gelten die normalen Messerregeln: vom Körper weg schneiden, die freie Hand hinter der Klinge, genug Abstand zu anderen Menschen. Danach kommt das Messer zurück in die Scheide.
Die fertige Schnur hat keine bekannte Tragkraft. Selbst gemachte Pflanzenschnur kann an einer dünnen Stelle plötzlich reißen. Benutze sie nie zum Klettern, zum Sichern von Menschen oder für Lasten, unter denen jemand steht.
Wann es sinnvoll ist – und wann nicht
Brennnesselschnur ist ideal, um zu verstehen, wie Menschen früher ohne Fabrik Schnur gemacht haben. Im Lager eignet sie sich für leichte Bindungen, einen kleinen Netzbeutel, eine Halskette oder zum Zusammenbinden von Zunderbündeln. Für eine Gruppe ist es ein schönes Projekt über mehrere Tage: ernten, trocknen, drehen.
Wenn du richtige Schnur dabeihast, ist die gekaufte immer stärker und verlässlicher. Für Zelt, Tarp, Lasten oder Notfälle mit Menschen nimmst du deshalb Paracord oder Reepschnur. Brennnesselschnur ist eine Ergänzung und eine Fertigkeit, kein Ersatz für gute Ausrüstung.
Gut zu wissen
Brennnesseln sind Futterpflanzen für die Raupen vieler Schmetterlinge, zum Beispiel Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs. Darum nimmst du nur einen kleinen Teil eines Bestandes und lässt den Rest stehen. Auch an Feldrändern und auf fremden Grundstücken gilt: erst fragen.
Das Drehen lernst du am leichtesten mit gekaufter Jute- oder Sisalschnur, die du aufdröselst. Wenn die Bewegung sitzt, ist der Wechsel zur Nesselfaser einfach. Nesselfaser verhält sich ähnlich, ist nur etwas ungleichmäßiger.
Dieser Eintrag behandelt nur die Faser. Ob und wie man Brennnesseln isst, gehört nicht hierher – Wildpflanzen isst du nur, wenn du sie zu hundert Prozent sicher erkennst.
Schritt für Schritt
Stängel auswählen
Im Spätsommer oder Herbst die längsten, geraden Stängel aus einem großen Bestand wählen – je länger, desto längere Fasern. Nur einen kleinen Teil nehmen: Viele Schmetterlingsraupen leben an Brennnesseln.
Achtung: Nur Pflanzen nehmen, die du sicher als Brennnessel erkennst, und nur mit Erlaubnis.
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Stängel auswählen
Im Spätsommer oder Herbst die längsten, geraden Stängel aus einem großen Bestand wählen – je länger, desto längere Fasern. Nur einen kleinen Teil nehmen: Viele Schmetterlingsraupen leben an Brennnesseln.
Nur Pflanzen nehmen, die du sicher als Brennnessel erkennst, und nur mit Erlaubnis.
- 2
Mit Handschuhen schneiden
Handschuhe und lange Ärmel anziehen. Den Stängel knapp über dem Boden mit dem Messer abschneiden, Schnitt vom Körper weg.
- 3
Blätter abstreifen
Mit der behandschuhten Hand den Stängel fest umfassen und von oben nach unten ziehen – die Blätter und die meisten Brennhaare gehen ab. Die weiche Spitze abbrechen.
- 4
Stängel flachdrücken
Den Stängel auf eine glatte Unterlage legen und der Länge nach mit den Fingern oder einem runden Holz flachdrücken, bis er an den Kanten aufplatzt.
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Holzkern herausbrechen
Den Stängel aufklappen. Den Kern alle paar Zentimeter nach außen knicken, sodass er bricht, und die Faserstreifen vom Kern abziehen – von der Mitte zu den Enden hin.
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Fasern trocknen
Die grüne Außenhaut kannst du mit dem Daumennagel oder dem Messerrücken leicht abschaben. Die Streifen locker an einem luftigen, schattigen Platz aufhängen, bis sie nach einigen Tagen ganz trocken sind. Trocken lassen sie sich lange lagern.
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Vor dem Drehen anfeuchten
Die trockenen Streifen kurz anfeuchten, damit sie geschmeidig werden, und in dünne, gleichmäßige Faserbündel teilen.
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Zweischäftig drehen
Ein Bündel ungleich falten und wie bei der Reverse-Wrap-Technik drehen: oberen Strang verdrehen, über den anderen legen, wiederholen. Neue Fasern überlappend einlegen, das Ende mit einem Überhandknoten sichern und die Schnur prüfen.
Nie für Menschen, Klettern oder schwere Lasten.
Häufige Fehler
- Junge, weiche Stängel im Frühjahr nehmen
- Ohne Handschuhe arbeiten
- Fasern feucht und zusammengeknüllt lagern – sie schimmeln
- Ansätze an derselben Stelle – dort reißt die Schnur
- Ganze Bestände abernten
Kurzüberblick
Material
Handschuhe und Fäustlinge
Feste Handschuhe gegen die Brennhaare
Messer (feststehend oder feststellbar)
Zum Abschneiden der Stängel
Vom Körper weg schneiden.
Regeln zum Mitführen von Messern unterscheiden sich je nach Region – örtliche Regeln prüfen.
Stabile Äste / Stangen
Rundes Holz zum Flachdrücken
Kein frisches Holz von lebenden Bäumen schneiden, wo das verboten ist.
Geeignet für
- Leichte Bindungen, Netzbeutel, Anhänger, Angelschnur-Übung
- Lernen, wie Menschen früher Schnur hergestellt haben
- Ersatzschnur, wenn nichts anderes da ist
Ungeeignet für
- Sicherung von Menschen, Klettern, Abseilen
- Schwere oder wichtige Lasten
- Junge, weiche Frühjahrstriebe – die Fasern sind noch zu kurz und schwach
Voraussetzungen
- Die Große Brennnessel sicher erkennen
- Zweischäftig drehen können (mit gekaufter Schnur geübt)
- Erlaubnis, auf dem Grundstück Pflanzen zu schneiden
Sicherheit
- Die Brennhaare verursachen brennende, juckende Quaddeln. Handschuhe und lange Ärmel tragen. Wer stark reagiert – Schwellung im Gesicht, Atemnot –, braucht sofort Hilfe: 112 (in Österreich auch 144).
- Beim Abschneiden immer vom Körper weg schneiden und die andere Hand hinter der Klinge halten.
So funktioniert es
Die Fasern liegen in der äußeren Schicht des vierkantigen, hohlen Stängels, zwischen der grünen Haut und dem holzigen Kern. Bricht man den spröden Kern, lassen sich die zähen Faserstreifen in langen Bändern abziehen. Beim zweischäftigen Drehen hält die Gegendrehung der beiden Stränge die Fasern zusammen, sodass die Schnur nicht aufgeht.
Vorteile
- Brennnesseln wachsen fast überall in großen Beständen
- Kein Werkzeug außer Messer und Handschuhen nötig
- Getrocknete Fasern lassen sich lagern
Nachteile
- Zeitaufwendig – ein Meter Schnur braucht viele Stängel
- Festigkeit unbekannt und ungleichmäßig
- Nur im Spätsommer und Herbst gut
Hintergrundwissen
Fachlicher Hintergrund
Brennnesselfasern wurden in Europa lange zu Garn und Stoff verarbeitet; der Name „Nessel“ für ein Baumwollgewebe erinnert noch daran. Bushcraft-Lehrbücher zeigen die Nessel als eine der zugänglichsten Faserpflanzen.
Wie man aus Fasern eine zweischäftige Schnur dreht, übst du am besten zuerst mit gekaufter Jute- oder Sisalschnur.
Varianten
- Grün verarbeiten
- Die frischen Streifen lassen sich auch sofort drehen. Die Schnur wird beim Trocknen etwas dünner und lockerer – danach nachdrehen oder vorsichtig festziehen.
- Andere Pflanzenfasern
- Ähnlich lassen sich andere faserreiche Pflanzen verarbeiten, die du sicher kennst. Lindenbast gewinnt man aus Ästen, die dir der Eigentümer überlässt – nie von stehenden Bäumen.
Häufige Fehler
- Junge, weiche Stängel im Frühjahr nehmen
- Ohne Handschuhe arbeiten
- Fasern feucht und zusammengeknüllt lagern – sie schimmeln
- Ansätze an derselben Stelle – dort reißt die Schnur
- Ganze Bestände abernten
Grenzen und Risiken
- Keine Angaben zur Tragkraft
- Keine Bestimmung anderer Wildpflanzen
- Kein Verzehr – dieser Eintrag behandelt nur die Faser
Quellen
Ray Mears – Hodder & Stoughton (2002): Bushcraft
Brennnessel als Faserpflanze, Aufbereitung der Stängel und Drehen der Schnur
Headquarters, Department of the Army (USA) (2002): FM 3-05.70 Survival
Schnur aus Pflanzenfasern herstellen
Mors L. Kochanski – Lone Pine Publishing: Bushcraft: Outdoor Skills and Wilderness Survival
Naturschnur und zweischäftiges Drehen