Tau, Kondensation und Pflanzenbeutel: Möglichkeiten und Grenzen
Tau aufwischen, Kondenswasser sammeln oder einen Plastikbeutel über belaubte Zweige stülpen – diese Methoden werden oft empfohlen, liefern aber meist nur kleine, unsichere Mengen. Sie können eine Notlage ergänzen, ersetzen aber keine echte Wasserquelle, und Pflanzen bergen eigene Risiken.
- Aufbau wenige Minuten; Ertrag erst nach Stunden und oft gering

Einfach erklärt
Am frühen Morgen ist das Gras oft nass, obwohl es nicht geregnet hat. Das ist Tau. Er entsteht, wenn feuchte Luft nachts abkühlt – so wie eine kalte Flasche aus dem Kühlschrank außen „beschlägt“. Pflanzen geben außerdem über ihre Blätter ständig ein bisschen Wasserdampf ab, ähnlich wie wir beim Ausatmen.
Man kann Tau mit einem Tuch aufwischen oder einen durchsichtigen Plastikbeutel über einen Zweig stülpen und das Wasser auffangen. Das klingt toll, aber meist kommen nur kleine Mengen zusammen. Es ist eher ein Zusatz in einer langen Wartezeit als eine echte Wasserquelle.
Sehr wichtig: Manche Pflanzen sind giftig, und ihr Gift kann ins aufgefangene Wasser gelangen. Benutze nur Pflanzen, von denen du ganz sicher weißt, dass sie ungiftig sind. Pflanzensäfte, Milchsäfte oder Flüssigkeit aus Kakteen trinkst du nie.
Wie es funktioniert: Kondensation und Transpiration
Luft enthält immer etwas unsichtbaren Wasserdampf. Wie viel sie halten kann, hängt von der Temperatur ab: Warme Luft kann mehr Wasserdampf tragen als kalte. Kühlt feuchte Luft an einer kalten Oberfläche ab, wird der Dampf wieder zu kleinen Tropfen – das nennt man Kondensation. In klaren, windstillen Nächten kühlen Gras, Planen oder Autoscheiben stark ab, und es bildet sich Tau.
Pflanzen ziehen Wasser mit ihren Wurzeln aus dem Boden und geben einen Teil davon als Dampf über die Blätter ab. Das heißt Transpiration. Ein dicht verschlossener, durchsichtiger Beutel um einen belaubten Zweig fängt diesen Dampf auf. Sonnenlicht wärmt den Beutel, der Dampf kondensiert an der Innenseite und läuft in die tiefste Ecke.
Wie viel zusammenkommt, hängt von Luftfeuchte, Temperatur, Sonne, Pflanze, Bodenfeuchte und Dichtigkeit ab. In sehr trockener Luft entsteht kaum Tau, und eine Pflanze in ausgetrocknetem Boden hat selbst wenig Wasser übrig. Deshalb nennt dieser Atlas bewusst keine Mengen – der Ertrag ist meist gering und schwer vorherzusagen.
Wann es sinnvoll ist – und wann nicht
Sinnvoll sein kann es, wenn du lange an einem Ort wartest, zum Beispiel nach einer Fahrzeugpanne, und keine echte Wasserquelle erreichbar ist. Dann kosten ein paar Beutel oder das morgendliche Tau-Aufwischen wenig Kraft, und jede kleine Menge ergänzt deinen Vorrat.
Nicht sinnvoll ist es als Hauptversorgung. Plane niemals damit, deinen Tagesbedarf so zu decken. Wenn du die Wahl hast, lohnt es sich fast immer mehr, Regenwasser aufzufangen, Schnee zu schmelzen oder eine echte Quelle zu suchen. Und in großer Hitze solltest du nicht viel Energie und Schweiß für wenige Schlucke aufwenden.
Worauf es ankommt
Tau sammelst du am frühen Morgen, bevor die Sonne ihn verdunstet. Zieh ein sauberes, saugfähiges Tuch über Gras oder saubere Oberflächen und wringe es in ein Gefäß aus. Auch an Planen, Folien oder Fahrzeugscheiben sammelt sich über Nacht Kondenswasser. Die Oberflächen müssen sauber sein, sonst sammelst du Staub, Vogelkot oder Rückstände mit.
Für einen Pflanzenbeutel brauchst du einen sauberen, klaren Beutel – niemals einen gebrauchten Müllsack oder eine Verpackung von Chemikalien. Stülpe ihn über einen belaubten, besonnten Zweig, verschließe die Öffnung dicht und lass eine Ecke tiefer hängen. Gieße das Wasser später vorsichtig ab, ohne Blätter oder Pflanzenteile mitzunehmen.
Schmeckt das Wasser bitter oder ungewöhnlich, schütte es weg. Bereite es wenn möglich auf, denn Tau und Pflanzenwasser können durch Tiere, Staub und Oberflächen verunreinigt sein.
Sicherheit: darauf musst du achten
Die größte Gefahr sind giftige Pflanzen. Giftstoffe können mit dem Wasserdampf oder über Pflanzenteile ins gesammelte Wasser gelangen. Verwende einen Pflanzenbeutel nur an Pflanzen, die du ganz sicher als ungiftig kennst. Dieser Atlas nennt bewusst keine Pflanzen, die sich angeblich eignen, denn Pflanzenbestimmung ist ein eigenes Fachgebiet mit gefährlichen Verwechslungen.
Trinke keine Pflanzensäfte, keine Milchsäfte und keine Flüssigkeiten aus Kakteen oder unbekannten Pflanzen. Solche Flüssigkeiten können Stoffe enthalten, die Erbrechen oder Durchfall auslösen – und damit noch mehr Wasser kosten.
Wenn nach dem Trinken Übelkeit, Erbrechen oder andere Beschwerden auftreten, hol Hilfe über die örtliche Notrufnummer (112 in der EU) oder einen Giftnotruf, sofern du erreichbar bist.
Gut zu wissen
Militärische Überlebenshandbücher wie FM 3-05.70 beschreiben Tau-Sammeln und Vegetations- bzw. Transpirationsbeutel als Notbehelfe für lange Wartesituationen – nicht als Ersatz für Wasserstellen oder mitgeführte Vorräte. Sie warnen ausdrücklich davor, giftige Pflanzen zu verwenden.
In Filmen und Videos wirken solche Methoden oft ergiebiger, als sie in der Wirklichkeit sind. Die Bilder zeigen meist gute Bedingungen und verschweigen, wie lange es gedauert hat. Wer realistische Erwartungen hat, verschwendet keine Kraft und setzt auf die Dinge, die wirklich helfen: mitgenommenes Wasser, bekannte Quellen und weniger Schweißverlust.
Schritt für Schritt
Zuerst echte Quellen prüfen
Prüfe zuerst, ob Regenwasser, Schnee oder eine Quelle erreichbar sind und der Aufwand verhältnismäßig ist.
- 1
Zuerst echte Quellen prüfen
Prüfe zuerst, ob Regenwasser, Schnee oder eine Quelle erreichbar sind und der Aufwand verhältnismäßig ist.
- 2
Tau aufwischen
Am frühen Morgen Tau mit einem sauberen Tuch von Gras oder sauberen Oberflächen aufnehmen und in ein Gefäß auswringen. Die Sammelzeit endet, sobald die Sonne den Tau verdunstet.
- 3
Pflanzenbeutel nur bei sicher ungiftigen Pflanzen
Einen sauberen, klaren Beutel über einen belaubten, besonnten Zweig stülpen, die Öffnung dicht verschließen und eine Ecke tiefer hängen lassen, damit sich Wasser sammelt.
Keine Pflanzen verwenden, die nicht sicher als ungiftig bekannt sind.
- 4
Sammeln und aufbereiten
Wasser vorsichtig abgießen, ohne Pflanzenteile mitzunehmen. Schmeckt es bitter oder ungewöhnlich, verwerfen. Wenn möglich aufbereiten.
Häufige Fehler
- Die Methode als Hauptversorgung einplanen
- Unbekannte Pflanzen verwenden
- Gebrauchte Müllsäcke oder Chemikalienverpackungen als Beutel nehmen
- In der Hitze viel Energie für wenig Ertrag aufwenden
- Pflanzensäfte oder Kakteenflüssigkeit trinken
Kurzüberblick
Material
Kunststofffolie / großer Müllsack
Klarer, sauberer Beutel oder Folie, nie aus Chemikalien- oder Müllverpackung
Reißt leicht, nicht über den Kopf ziehen (Erstickungsgefahr).
Nicht für Trinkwasser verwenden, wenn nicht lebensmittelecht.
Baumwolltuch / T-Shirt
Zum Aufwischen von Tau
Filtert nur grobe Partikel – keine Entkeimung.
Geeignet für
- Ergänzung bei fehlender Wasserquelle
- Langes Warten an einem Ort, z. B. bei einer Fahrzeugpanne
Ungeeignet für
- Deckung des Tagesbedarfs
- Situationen, in denen sich der Aufwand mehr lohnt, eine echte Quelle zu suchen
- Pflanzen, die nicht sicher als ungiftig bekannt sind
Voraussetzungen
- Saubere Folie oder sauberes Tuch
- Möglichkeit zur Aufbereitung des gesammelten Wassers
Sicherheit
- Tau von Pflanzen und Oberflächen sowie Wasser aus Pflanzenbeuteln kann durch Tiere, Staub und Oberflächen verunreinigt sein. Wenn möglich aufbereiten.
So funktioniert es
Tau und Kondenswasser entstehen, wenn feuchte Luft an einer kühleren Fläche abkühlt. Pflanzen geben über ihre Blätter Wasserdampf ab (Transpiration); ein dicht geschlossener, durchsichtiger Beutel fängt ihn auf, der Dampf kondensiert an der Innenseite. Wie viel zusammenkommt, hängt von Luftfeuchte, Temperatur, Sonne, Pflanze und Dichtigkeit ab – und ist meist wenig.
Vorteile
- Geringer Materialbedarf
- Kein Graben nötig (anders als bei der Solardestille)
Nachteile
- Meist sehr geringer Ertrag
- Risiko durch giftige Pflanzen
- Stark wetterabhängig
Hintergrundwissen
Fachlicher Hintergrund
Militärische Überlebenshandbücher wie FM 3-05.70 beschreiben das Aufnehmen von Tau sowie Vegetations- und Transpirationsbeutel als Notbehelfe und warnen davor, giftige Pflanzen zu verwenden. Sie sind dort als Ergänzung in langen Wartesituationen gedacht, nicht als Ersatz für Wasserstellen oder mitgeführte Vorräte.
Pflanzenbestimmung ist ein eigenes Fachgebiet mit gefährlichen Verwechslungsmöglichkeiten. Dieser Atlas nennt deshalb keine Pflanzen, die sich angeblich eignen.
Varianten
- Kondenswasser an Planen und Folien
- Über Nacht kann sich an Planen, Folien oder Fahrzeugscheiben Kondenswasser sammeln, das morgens abgewischt werden kann. Mengen sind meist klein, Oberflächen müssen sauber sein.
Häufige Fehler
- Die Methode als Hauptversorgung einplanen
- Unbekannte Pflanzen verwenden
- Gebrauchte Müllsäcke oder Chemikalienverpackungen als Beutel nehmen
- In der Hitze viel Energie für wenig Ertrag aufwenden
- Pflanzensäfte oder Kakteenflüssigkeit trinken
Grenzen und Risiken
- Keine Mengenangaben – Ertrag stark situationsabhängig
- Keine Pflanzenbestimmung
- Gesammeltes Wasser ist nicht automatisch sicher
Materialalternativen
Abgeleitet aus Materialeigenschaften: Ein Ersatz muss alle relevanten Eigenschaften besitzen. Hinweise zum Ersatzmaterial beachten.
- Kunststofffolie / großer Müllsack
- Tarp / Plane, Rettungsdecke (Reißt an Löchern leicht weiter; als Unterkunft nur kurzfristig.), Dokumentenmappe (wasserdicht) (Sicher aufbewahren – enthält sensible persönliche Daten.), Regenponcho (Als Unterkunft genutzt, fehlt er als Regenschutz am Körper.), Biwaksack (Gesicht nie vollständig verschließen.), Zelt (Nicht im Zelt kochen oder heizen (Brand- und Kohlenmonoxidgefahr).), Reißfester Müllsack (groß) (Erstickungsgefahr: Plastiksäcke nie über Kopf oder Gesicht ziehen und von Kleinkindern fernhalten.), Gruppenbiwaksack (Luftdicht – regelmäßig lüften.)
Ergebnisse stammen ausschließlich aus strukturierten Einträgen. Es werden keine improvisierten Anleitungen erzeugt.
Quellen
Headquarters, Department of the Army (USA) (2002): FM 3-05.70 Survival
Tau sammeln, Vegetations- und Transpirationsbeutel sowie Warnung vor giftigen Pflanzen