Gezeiten: Warum das Meer steigt und fällt
Mond und Sonne ziehen unterschiedlich stark an verschiedenen Teilen der Erde. Dadurch entstehen zwei Flutberge, unter denen sich die Erde hindurchdreht – an vielen Küsten zweimal Hochwasser und zweimal Niedrigwasser am Tag, jeden Tag etwa 50 Minuten später. Wie hoch der Unterschied ist, hängt stark von der Küstenform ab. Deshalb gilt: Gezeitentabelle für genau diesen Ort lesen.
- Lesezeit; Gezeitentabelle vor jeder Küstentour

Einfach erklärt
An vielen Küsten steigt das Meer zweimal am Tag an und fällt zweimal wieder. Das nennt man Gezeiten: Flut, wenn das Wasser kommt, Ebbe, wenn es geht. Schuld daran sind vor allem der Mond und ein bisschen auch die Sonne. Sie ziehen mit ihrer Schwerkraft an der Erde – auf der Seite, die näher am Mond ist, etwas stärker, auf der fernen Seite etwas schwächer.
Dadurch wird das Wasser der Meere ein wenig in die Länge gezogen, wie ein Wasserballon, an dem man an beiden Enden zieht. Es entstehen zwei „Wasserberge“, einer zum Mond hin und einer auf der gegenüberliegenden Seite. Die Erde dreht sich unter diesen Bergen hindurch, und deshalb kommt das Hochwasser an einem Ort immer wieder – jeden Tag knapp eine Stunde später.
Das Wasser kann schneller zurückkommen, als man denkt, und Buchten, Sandbänke oder Wege um eine Felsnase abschneiden. Darum liest du vor jedem Küstenausflug die Gezeitentabelle für genau diesen Ort, gehst rechtzeitig zurück und wanderst im Watt nur mit ortskundiger Führung. Wer abgeschnitten ist, watet nicht durch tiefes Wasser, sondern ruft die örtliche Notrufnummer (112 in der EU).
Wie es funktioniert
Die Schwerkraft wird mit zunehmender Entfernung schwächer. Die Seite der Erde, die dem Mond zugewandt ist, wird deshalb etwas stärker angezogen als der Erdmittelpunkt, und die abgewandte Seite etwas schwächer. Entscheidend für die Gezeiten ist nicht die Anziehung selbst, sondern dieser Unterschied. Er zieht das Wasser auf der mondnahen Seite zum Mond hin und lässt es auf der mondfernen Seite gewissermaßen „zurück“ – so entstehen zwei Flutberge auf gegenüberliegenden Seiten.
Die Erde dreht sich einmal am Tag unter diesen Flutbergen hindurch. Weil der Mond aber gleichzeitig auf seiner Bahn weiterwandert, dauert es etwa 24 Stunden und 50 Minuten, bis ein Ort wieder dieselbe Stellung zum Mond hat. An Küsten mit zwei Hochwassern am Tag liegen deshalb zwischen zwei Hochwassern gut zwölf Stunden, und jeden Tag verschieben sich die Zeiten um knapp eine Stunde.
Die Sonne erzeugt auf dieselbe Weise eigene Gezeiten. Obwohl sie viel massereicher ist, ist ihre Gezeitenwirkung wegen der riesigen Entfernung nur ungefähr halb so stark wie die des Mondes. Wenn Sonne, Erde und Mond in einer Linie stehen – bei Neumond und Vollmond –, addieren sich beide Wirkungen: Es gibt Springtiden mit besonders hohem Hochwasser und besonders niedrigem Niedrigwasser. Bei Halbmond wirken sie teilweise gegeneinander: Nipptiden mit kleinem Unterschied.
Warum jeder Ort anders ist
Das einfache Bild von zwei Flutbergen würde überall ähnliche Gezeiten ergeben. In der Wirklichkeit stehen den Wassermassen aber Kontinente im Weg, und die Meeresbecken haben ihre eigenen Formen und Tiefen. Das Wasser schwappt darin hin und her wie in einer Badewanne. Deshalb haben manche Küsten zwei Hochwasser am Tag, andere nur eines, und wieder andere eine Mischform.
Auch der Tidenhub, also der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, ist von Ort zu Ort sehr verschieden. In trichterförmigen Buchten kann sich das Wasser hoch aufstauen – die Bay of Fundy in Kanada ist für einen der größten Tidenhübe der Welt bekannt. In fast abgeschlossenen Meeren wie dem Mittelmeer sind die Gezeiten dagegen an vielen Stellen kaum spürbar.
Hinzu kommt, dass Springtiden an vielen Orten nicht genau am Tag des Voll- oder Neumonds, sondern oft ein bis zwei Tage später eintreten. All das zeigt: Allgemeine Regeln erklären das Prinzip, aber für einen konkreten Ort zählen nur die offiziellen Gezeitentafeln.
Worauf es ankommt
Hol dir die Hoch- und Niedrigwasserzeiten für den nächstgelegenen Bezugsort aus offiziellen Gezeitentafeln, wie sie nationale Seevermessungs- oder Hydrografiedienste herausgeben. Achte darauf, dass Datum, Ort und Zeitzone stimmen – auch Sommerzeit kann eine Stunde Unterschied bedeuten.
Das Wasser steigt nicht gleichmäßig. Eine bekannte Faustregel aus der Seefahrt, die Zwölftelregel, beschreibt das grob: In den sechs Stunden zwischen Niedrig- und Hochwasser steigt das Wasser in der ersten Stunde um etwa ein Zwölftel des Tidenhubs, in der zweiten um zwei, in der dritten und vierten um je drei, in der fünften um zwei und in der sechsten um ein Zwölftel. In der Mitte steigt es also am schnellsten. Die Regel ist eine Näherung und gilt nicht überall.
Plane den Rückweg so, dass du lange vor dem Auflaufen des Wassers zurück bist, nicht knapp davor. Bei Springtiden fällt das Wasser weiter, was große Wattflächen freilegt – aber es kommt auch schneller und höher zurück. Wind und Luftdruck können das Wasser zudem früher bringen, als die Tabelle sagt.
Sicherheit: darauf musst du achten
Auflaufendes Wasser kann Buchten, Landzungen und Sandbänke schneller abschneiden, als man erwartet. Im Watt füllen sich Priele und Rinnen zuerst – oft hinter dir, zwischen dir und dem Land. Wer sieht, dass Wasser hinter einem läuft, kehrt sofort um. Nebel kann im Watt die Orientierung in kurzer Zeit unmöglich machen. Wattwanderungen deshalb nur mit ortskundiger Führung.
Bist du abgeschnitten, wate nicht durch tiefes oder strömendes Wasser zurück. Gezeitenströmungen können sehr stark sein, besonders an Engstellen und Landspitzen. Such dir einen sicheren, hohen Platz, mach dich bemerkbar und ruf die örtliche Notrufnummer (112 in der EU) oder die Küstenrettung.
Wind und Luftdruck verändern den Wasserstand gegenüber der Tabelle. Tiefer Luftdruck lässt das Meer etwas ansteigen, auflandiger Wind drückt Wasser gegen die Küste. Trifft ein Sturm auf eine Springtide, kann eine Sturmflut entstehen, bei der das Wasser weit über die Tabellenwerte steigt. Dann gelten die Warnungen und Anweisungen der Behörden.
Gut zu wissen
Viele Menschen wundern sich, warum es auch auf der vom Mond abgewandten Seite einen Flutberg gibt. Die Antwort liegt im Unterschied der Anziehung: Der Erdmittelpunkt wird stärker zum Mond gezogen als das Wasser auf der fernen Seite, das dadurch gewissermaßen zurückbleibt. Gezeiten entstehen also durch Unterschiede der Schwerkraft über den Durchmesser der Erde hinweg.
Weil die Bahnen von Erde und Mond genau bekannt sind, lassen sich Gezeiten Jahre im Voraus berechnen. Nur das Wetter bringt Unsicherheit hinein. Und wer abends den Vollmond aufgehen sieht, weiß: In diesen Tagen sind die Tiden an vielen Küsten besonders stark – ein guter Grund, die Tabelle doppelt genau zu lesen.
Schritt für Schritt
Gezeitentabelle für den Ort
Hoch- und Niedrigwasserzeiten für den nächstgelegenen Bezugsort aus offiziellen Gezeitentafeln entnehmen.
- 1
Gezeitentabelle für den Ort
Hoch- und Niedrigwasserzeiten für den nächstgelegenen Bezugsort aus offiziellen Gezeitentafeln entnehmen.
- 2
Mondphase beachten
Um Neu- und Vollmond sind Hochwasser höher und Niedrigwasser tiefer – mehr Watt, aber auch schneller auflaufendes Wasser.
- 3
Puffer einplanen
Den Rückweg so planen, dass man lange vor dem Auflaufen zurück ist. Wind und Luftdruck können das Wasser früher bringen.
- 4
Vor Ort beobachten
Priele, Rinnen und tiefe Stellen füllen sich zuerst. Wer sieht, dass Wasser hinter einem läuft, kehrt sofort um.
Häufige Fehler
- Gezeiten eines anderen Ortes verwenden
- Annehmen, dass Hochwasser jeden Tag zur gleichen Uhrzeit kommt
- Springtide nicht einrechnen
- Durch auflaufende Priele zurückwaten
Kurzüberblick
Geeignet für
- Wattwanderungen, Küstenwege, Buchten und Landzungen planen
- Verstehen von Springtide und Sturmflut
Ungeeignet für
- Navigation von Booten (dafür nautische Ausbildung)
Sicherheit
- Wind und Luftdruck können den Wasserstand gegenüber der Tabelle deutlich verändern. Bei Sturm gelten die Warnungen der Behörden.
So funktioniert es
Die Anziehung des Mondes ist auf der ihm zugewandten Erdseite etwas stärker, auf der abgewandten etwas schwächer als im Erdmittelpunkt. Dieser Unterschied zieht das Wasser auf beiden Seiten zu Flutbergen auseinander. Die Sonne wirkt ebenso, aber schwächer. Stehen Sonne, Erde und Mond in einer Linie – bei Neu- und Vollmond –, addieren sich die Wirkungen zur Springtide mit großem Tidenhub; bei Halbmond schwächen sie sich zur Nipptide ab. Küstenform, Wassertiefe und Meeresbecken verändern den Tidenhub stark und lassen manche Orte nur ein Hochwasser pro Tag haben.
Vorteile
- Gezeiten sind lange im Voraus berechenbar
- Ein Prinzip erklärt Springtide und Nipptide
Nachteile
- Lokale Unterschiede sind groß
- Wetter verschiebt die Werte
Hintergrundwissen
Fachlicher Hintergrund
Der Lehrgang „Tides and Water Levels“ des US National Ocean Service erklärt die Entstehung der Gezeiten durch Mond und Sonne, Springtide und Nipptide sowie den Einfluss von Küstenform und Wetter. Physiklehrbücher behandeln die zugrunde liegende Gravitation.
Praktische Hinweise zu Gezeiten, Strömungen und Wellen an der Küste stehen im Eintrag zur Küste in der Wissenswelt Klima und extreme Umgebungen.
Varianten
- Gezeiten und Sturmflut
- Trifft auflandiger Sturm auf eine Springtide, kann der Wasserstand weit über die Tabellenwerte steigen. Dann gelten Warnungen und Evakuierungsanweisungen.
Häufige Fehler
- Gezeiten eines anderen Ortes verwenden
- Annehmen, dass Hochwasser jeden Tag zur gleichen Uhrzeit kommt
- Springtide nicht einrechnen
- Durch auflaufende Priele zurückwaten
Grenzen und Risiken
- Keine Gezeitenberechnung für bestimmte Orte
- Keine Bootsnavigation
Quellen
U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) – National Ocean Service: Tides and Water Levels (NOAA Ocean Service Education tutorial)
Entstehung der Gezeiten, Spring- und Nipptide, Einfluss von Küste und Wetter
David Halliday, Robert Resnick, Jearl Walker – John Wiley & Sons: Fundamentals of Physics
Gravitation
European Commission: 112 – the European emergency number
Europäische Notrufnummer 112